01.06.2016 | Pressetexte

Lass mich los, aber lass mich nicht fallen


Betreten verboten! Wenn Kinder erwachsen werden, haben Eltern kaum Zutritt. Weder in das Zimmer, noch in die Gefühlswelt des heranwachsenden Sprosses. Trotz wachsender Distanz darf der Draht zueinander nicht reißen. Ein wertschätzendes, familiäres Umfeld ist einer von vielen Bausteinen für eine  effektive Suchtprävention.

Ein Sprichwort besagt „Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen.“ Jugendliche gehen dabei nicht selten einen mit Steinen bepflasterten Weg, dessen Verlauf in eine vollkommen neue Welt führt. Im Reiseticket ist die Suche nach der eigenen Identität inkludiert. Eine rätselhafte, nicht immer augenblicklich erschließbare Entdeckung des eigenen Ichs. Eltern müssen Stolpersteine, die das Weitergehen mitunter erschweren nicht gänzlich verbannen. Sie können jedoch maßgebend dazu beitragen, dass das Kind dadurch nicht zum Erliegen kommt.

Ist versus Soll – Identitätskonflikte
Kernaufgabe in der Pubertät ist es, gesellschaftliche Erwartungen und Normen zu hinterfragen und auf das persönliche Weltbild zu übertragen. Körperliche Reifungsprozesse müssen physisch und sozial verarbeitet werden. Inmitten dieser Herausforderungen gilt es eine neue Identität auszubilden. Damit unmittelbar verbunden, die Fragen: „Wie wirke ich auf andere? Wie werde ich von meiner sozialen Umwelt akzeptiert? Was und wer sind mir wichtig?“ Die Überprüfung neuer Ideologien und die Hinterfragung der eigenen Person sind zentrale Elemente eines natürlichen Entwicklungsprozesses. Neue Wege zu gehen bedeutet jedoch auch Abschied von der erprobten, kindlichen Welt zu nehmen. Die Entdeckungsreise in die Erwachsenenwelt gestaltet sich dabei nicht immer hürdenfrei. Das Bedürfnis, sich ein Stückchen Kindheit beizubehalten korreliert mit dem Drang, auf eigenen Füßen stehen zu wollen. Die damit einhergehende Zerrissenheit mündet nicht selten in einer Art Identitätskonflikt.

Warnsignale, die auf eine Suchtgefährdung deuten
Die Grenze zwischen dem pubertären Identitätsdisput und Verhaltensauffälligkeiten, die auf eine Suchtgefährdung schließen lassen, ist nicht immer klar als solche ersichtlich. Dennoch gibt es Warnsignale, denen man auf den Grund gehen sollte. In erster Instanz sind hier ein mangelndes Selbstvertrauen und die Scheu vor Konfliktsituationen zu nennen. Manche Jugendliche ziehen sich in der Intention Konflikten entgehen zu wollen zurück. Andere entwickeln anderen gegenüber aggressives Verhalten - beispielsweise indem Streitsituationen ausnahmslos durch verbale oder körperliche Gewalt „bereinigt“ werden. Besonders aufmerksam sollte man sein, wenn Interessen aus unersichtlichen Gründen bedeutungslos werden und Zukunftsperspektiven verloren gehen.

„Lass mich los, aber lass mich nicht fallen“
Auch wenn die Abnabelung von den Eltern normal und notwendig ist, sollten diese weiterhin Interesse am Leben ihres Sprosses wahren – auch im Sinne einer Suchtprävention. Ein wichtiges Rüstzeug dafür liegt im Aufbau eines stabilen Selbstwertgefühls verborgen - ganz unabhängig davon, ob es sich nun um die Prävention von substanzgebundenen Süchten oder um „substanzungebundenen Abhängigkeiten“ oder viel mehr psychosomatischen Erkrankungen wie Essstörungen handelt. Folgende Maßnahmen helfen ein entsprechendes Fundament dafür zu legen.

  • Gemeinsame Mahlzeiten zelebrieren
    Die Berufstätigkeit beider Eltern verhindert oft gemeinsame Mahlzeiten. Ein regelmäßiges Zusammenkommen bei Tisch wäre im Sinne einer gelungenen Familieninteraktion jedoch von besonderer Bedeutung. Untermauert wird diese Empfehlung von einer amerikanischen Studie. So konnte Dianne Neumark-Sztainer von der University of Minnesota einen Zusammenhang zwischen familiären Ess- und Ernährungsgewohnheiten und Essstörungen nachweisen. Mädchen aus Familien, in denen mindestens fünfmal pro Woche gemeinsame Mahlzeiten eingenommen wurden, hatten ein um 29 Prozent niedrigeres Risiko, ein extrem gewichtskontrollierendes Verhalten zu entwickeln.
  • Auf die Vorbildwirkung achten
    Heranwachsende suchen Idole, zu denen sie „aufschauen“ und von denen sie sich etwas „abschauen“ können. Speziell Mädchen orientieren sich dabei auch am Körperbildnis der eigenen Mutter. Mamas können ihre Töchter insofern unterstützen, indem sie ihnen ein positives Körpergefühl vermitteln. Suchen Sie das Gespräch und hinterfragen Sie gängige Schönheitsideale. Fragwürdige, gesellschaftliche Normvorstellungen lassen sich nur schwer ändern, wohl aber die eigene Einstellung dazu.
  • Konflikte aktiv durchleben
    Das Fundament für Konflikte wird überall dort gelegt, wo unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen. Gerade Jugendliche finden die Ansichten Ihrer Eltern meist „völlig uncool“. Keine Frage, Gespräche mit Jugendlichen, deren Hormonsystem auf Systemabsturz gepolt ist sind zweifelsohne eine Herausforderung. Konflikte dürfen und sollen auch sein. Sie wirken nicht nur reinigend, sondern ermöglichen auch das Ausloten von Grenzen. Scheuen Sie den Dialog insofern nicht, bemühen Sie sich aber gleichzeitig, den Rahmen für eine wertschätzende Kommunikation trotz Meinungsverschiedenheiten aufrecht zu halten.
  • Wertschätzung (nicht nur verbal) signalisieren
    Manche Jugendliche erfahren nur dann Aufmerksamkeit, wenn es Anlass zur Sorge gibt oder Konfliktsituationen im Raum stehen – eine betadelte Schulnote hier, eine missachtete Vereinbarung da. Klar definierte Regeln sind wichtig. Allerdings sollte darüber hinaus auch das jedem eigene Bedürfnis nach Anerkennung erfüllt werden. Loben Sie Ihr Kind bei gelungenen Aktionen und nehmen Sie es so an, wie es ist. Und vor allem: Lassen Sie ihm diese Form der Wertschätzung auch spüren.
  • Uneingeschränktes Interesse zeigen
    Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen verläuft nicht immer reibungsfrei. Es ist normal, wenn sich Jugendliche ein Stück weit zurückziehen. Das Kind loszulassen, um ihm ein individuelles Begreifen der Realität zu ermöglichen fällt Eltern nicht immer leicht. Das fiktive Band zum eigenen Kind auszudehnen bedeutet jedoch nicht, es reißen zu lassen. Im Gegenteil: Es sollte auch weiterhin jenen Rückenhalt bekommen, den es braucht. Von großer Bedeutung ist dabei ein kontinuierlich entgegengebrachtes, glaubhaftes Interesse am Leben des Sprösslings. Ein treffendes Zitat besagt: „Solange du bei mir bist, will ich um dich besorgt sein und deine Kräfte stärken, damit du mit Freude im Herzen weiterziehst. Ich will dir Mut machen, nicht aufzugeben, wenn du stolperst.“ In diesem Sinne: Seien Sie Wegbegleiter und eben Sie Ihrem Kind einen liebevollen Pfad in seine eigens definierte Welt.